Ursachen

Home Wir Ziele Das Problem Meinungen Was ist AD(H)S? Ursachen im Schulalltag Was tun wenn... ... im Unterricht ... akut Treffen

3.7.1 Ursachen der Erkrankung, Krankheitsbild


Bei Kindern mit ADHS hat man eine Reihe von Funktionsstörungen des Gehirns festgestellt. Besonders wichtig erscheint eine charakteristische Stoffwechselstörung, die auch Ansatzpunkt für die medikamentöse Behandlung ist.
Die Erregungsleitung im Gehirn erfolgt nicht nur durch elektrische Impulse entlang der Nervenzellen (vgl. Kapitel 3.6.1), sondern auch durch biochemische Stoffe. Diese überbrücken den Spalt zur nächsten Nervenzelle. Den Bereich, in dem zwei Nervenzellen durch einen Spalt miteinander in Kontakt stehen, nennt man Synapse. Die dort vorkommenden Botenstoffe heißen Transmitter. Sie sind in Bläschen (Vesikeln) gespeichert.


Der elektrische Impuls, der entlang einer Nervenzelle läuft, bewirkt, dass am Ende der Nervenfaser solche Transmitter in winzigen Mengen frei werden. Treffen diese biochemischen Substanzen auf die Nervenzelle jenseits des Spaltes, wird wieder ein elektrischer Impuls ausgelöst. Voraussetzung für diese Art der Erregungsweiterleitung ist, dass jenseits des synaptischen Spalts genügend Rezeptoren („Andockstellen" für den Transmitter frei sind. Der Transmitter im synaptischen Spalt wird rasch wieder durch Enzyme unwirksam gemacht oder er wird in das Nervenfaserende zurückgewonnen, so dass es nicht zur Dauererregung kommt. In den verschiedenen Gehirnabschnitten sind unterschiedliche Transmitter wirksam, u.a. Serotonin, Dopamin und Noradrenalin.


Die Mengen an chemischen Substanzen, um die es hier geht, sind unvorstellbar klein, und jedes Ungleichgewicht ruft eine Störung hervor. Um ein solches Problem geht es nach heutigem Kenntnisstand auch beim ADHS: In einem bestimmten Gehirnbezirk, in dem Dopamin als Transmitter wirkt, besteht ein chemisches Ungleichgewicht. Das führt zu einem unzureichenden modulierenden Einfluss auf ein Kerngebiet im Gehirn (nucleus accumbens), von dem aus u.a. emotionale Impulse in Bewegungen umgesetzt werden. Das Resultat ist, dass die Fähigkeit der Selbstregulierung deutlich herabgesetzt wird. Das Verhalten wird impulsiv, unbedacht, sprunghaft, willkürliche Aufmerksamkeit lässt rasch nach bzw. wird leicht gestört. Da das ADHS gehäuft in Familien vorkommt, muss eine erbliche Anfälligkeit für die Erkrankung angenommen werden. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen. Ernährung hat keinen nachgewiesenen Einfluss auf die Krankheit, auch wenn in Einzelfällen Eltern den Eindruck haben, dass bestimmte Nahrungsmittel die Symptomatik bei ihrem Kind zeitweise verschlimmern. Die typischen Auffälligkeiten treten in den ersten Lebensjahren auf, eine Diagnose ist aber erst später, meist bei Schuleintritt möglich. Sie kann nur von einem erfahrenen Arzt gestellt werden. Die Symptome werden von der Pubertät an schwächer und scheinen beim Erwachsenen zu verschwinden. Bis heute ist nicht erforscht, welche Auswirkungen die dem ADHS zugrunde liegende Stoffwechselstörung im Erwachsenenalter hat. Eine rechtzeitige Behandlung ist für die Kinder sehr wichtig, da ansonsten weitere psychische Störungen hinzukommen. Die ständigen Ermahnungen und Sanktionen, die nahezu ununterbrochenen Misserfolgserlebnisse (bis hin zu häufigen Unfällen durch unbedachtes Verhalten), die Übernahme problematischer Rollen in der Gruppe („Klassenclown", „Depp", „Hans guck in die Luft", „Taugenichts" schwächen das Selbstwertgefühl der Kinder und drängen sie in eine Außenseiterrolle. Besonders gravierend ist diese negative Entwicklung, wenn zu den Aufmerksamkeitsstörungen und der Hyperaktivität destruktives und aggressives Verhalten hinzukommt. Da die Kinder selbst spüren, dass sie sich nicht anders verhalten können, obgleich sie es sich vornehmen, sind sie oft traurig und wütend auf sich selbst und fühlen sich als chronische Versager, für die jedwede Anstrengung sinnlos wird.


Als Medikament wird überwiegend ein Stimulans (meist das Präparat Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat) eingesetzt, das die Stoffwechselproblematik in den betroffenen Gehirnregionen lindert: Die Fähigkeit der Selbststeuerung nimmt nach Einnahme des Medikaments „schlagartig" zu. Es handelt sich also nicht um eine medikamentöse „Ruhigstellung" des Kindes, sondern im Gegenteil um eine Aktivierung bestimmter Gehirnbezirke mit der oben erwähnten Dopaminstoffwechselstörung. Das Medikament, das dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, muss individuell dosiert und regelmäßig eingenommen werden. Die Entwicklung von Abhängigkeit und Sucht (wie bei Erwachsenen, die solche Präparate als „Weckmittel" nehmen) ist bei Kindern nicht nachgewiesen. 75 Prozent der betroffenen Kinder sprechen auf die medikamentöse Behandlung gut an. Medikamentspezifische Probleme beim Absetzen des Mittels in der Pubertät sind nicht beschrieben. Das Medikament ist nur angezeigt, wenn pädagogischpsychologische Begleitung und Interventionen allein offenbar nicht ausreichen und wenn Störungen mit mehreren eindeutigen Symptomen in mindestens zwei Lebensbereichen (z.B. zu Hause und in der Schule) über mindestens sechs Monate auftreten und zu ernsthaften sozialen und schulischen Schwierigkeiten führen. Ergänzend sollte in jedem Fall eine psychotherapeutische Behandlung stattfinden, in der das Kind lernt, mit sich und seinen Problemen umzugehen. Mit der medikamentösen Behandlung allein ist dem Kind in der Regel nicht geholfen. In vielen Fällen ist eine solche psychotherapeutische Behandlung erst nach Beginn einer medikamentösen möglich. Bewährt haben sich auch Therapien mit wahrnehmungs-, bewegungs- und musiktherapeutischen Elementen. Vorsicht ist geboten bei „therapeutischen Sonderformen", über deren nachgewiesene Wirksamkeit sich Eltern vor Beginn gründlich informieren sollten.
Eltern, Erzieher und Lehrer brauchen sachkundige seriöse Beratung und Unterstützung beim alltäglichen Umgang mit einem betroffenen Kind, da die üblichen Erziehungsmaßnahmen nicht ausreichen bzw. „ins Leere laufen" oder die Symptomatik noch verstärken. Insbesondere wenn therapeutische Maßnahmen im Alltag im Sinne eines „Programms" oder einer „Abmachung" über die Therapiesitzungen hinaus umzusetzen sind, bedarf es der engen Absprache zwischen allen Beteiligten.