Was ist AD(H)S?

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Auszug aus:


Chronische Erkrankungen als Problem und Thema in Schule und Unterricht
Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer der Klassen 1 bis 10



aus der Reihe: Gesundheitserziehung und Schule, herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, - im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit - Autorin: Prof. Dr. Karla Etschenberg, Universität Flensburg  - mit Beiträgen von: Dr. Winfried Kösters und Raimund Schmid, Kindernetzwerk e.V., Aschaffenburg - Gestaltung und Illustration: Johannes Wawra, Aachen


(...)


3.7 Aufmerksamkeitsstörungen/Hyperaktivität (ADHS)


„Dieser Junge kann keine fünf Minuten ruhig sitzen." „Uli macht mal wieder den Klassenclown." „Julia kann sich überhaupt nicht konzentrieren." „Dieses Kind ist eine Zumutung - und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll." So oder so ähnlich lauten vermehrt die Klagen von Lehrern und Lehrerinnen vor allem in der Grundschule. In fast jeder Klasse treffen sie ein Kind an, das ihnen und der Klasse durch Unaufmerksamkeit, impulsives undiszipliniertes Verhalten, überschießende Motorik und Kontrollverlust in bestimmten Situationen das Leben schwer macht und bei dem man bei aufmerksamer Beobachtung nicht den Eindruck hat, dass es das aus Bösartigkeit oder Ungezogenheit tut. So ein Kind macht sich auch selbst das Leben schwer und leidet darunter.
Das Erscheinungsbild ist nicht neu - der Nervenarzt Heinrich Hoffmann hat so einem Kind in Gestalt des „Zappelphilipp" schon vor 150 Jahren ein Denkmal gesetzt.
Wenn man das Phänomen schon so lange kennt, sollte man meinen, es müsse inzwischen hinreichend erforscht und geklärt sein. Das ist es aber nicht. Die Vielzahl der Benennungen, die es dafür gab und gibt, macht die Unsicherheit deutlich:
Es wird von MCD (minimaler cerebraler Dysfunktion), HKS (Hyperkinetisches Syndrom), ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), ADD = (Attention Deficit Disorder), ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom), ADHD = Attention Deficit Hyperactivity Disorder) oder POS (psychoorganisches Syndrom) gesprochen. Alle diese Bezeichnungen meinen im Prinzip dasselbe: eine Auffälligkeit im Verhalten, die vor allem durch Defizite der Selbststeuerung gekennzeichnet und primär organisch begründet ist. Im deutschsprachigen Raum sind heute vor allem die Kürzel ADHS oder ADS gebräuchlich. Hier wird die Abkürzung ADHS bevorzugt weiterverwendet.


Das „Syndrom" in seiner Komplexität wird mit keiner dieser Bezeichnungen optimal erfasst. Die Akzente werden durch die Bezeichnungen jeweils etwas anders gesetzt und werden damit nicht unbedingt dem Einzelfall gerecht:
Es gibt Kinder, die sind vorwiegend hyperaktivimpulsiv, andere Kinder sind vorwiegend aufmerksamkeitsgestört, und eine dritte Gruppe ist aufmerksamkeitsgestört und hyperaktiv. Die Vielfältigkeit des Erscheinungsbildes ist aber nur ein Grund für die Schwierigkeit, mit dem Problem in der Schule zurechtzukommen. Mehr noch als bei der Epilepsie gibt es bei NichtFachleuten große Widerstände gegen die Einstufung der Verhaltensstörungen als Ausdruck einer organisch begründeten Krankheit, von der schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Kinder in Deutschland betroffen sind. Die Vorbehalte kann man gut verstehen, weil fast jede dieser Verhaltensauffälligkeiten für sich genommen (und oberflächlich betrachtet) auch Ergebnis „schlechter" Erziehung sein kann. Familiäre Probleme, ungünstige soziale Bedingungen, evtl. auch die viel zitierte „Reizüberflutung" sind bei vielen Kindern in der Tat vorrangige Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten. Die Tatsache, dass seit einigen Jahrzehnten auch eine organisch begründete Erkrankung als Ursache für eine bestimmte Form von Verhaltensauffälligkeiten diskutiert wird, schließt ja nicht aus, dass es weiterhin „ungezogene" Kinder gibt. Zudem enttehen durch ungünstige Umwelteinflüsse auch Mischformen im Verhalten, bei dem nur ein Teil dem ADHS zuzuschreiben ist, während ein Teil durchaus anerzogen und erlernt sein kann.
Um differenziert auf auffällige Kinder reagieren und ihnen angemessen helfen zu können, bedarf es einer frühzeitigen Diagnose. Dabei sind die Beobachtungen von Grundschullehrern und -lehrerinnen für einen Arzt eine unverzichtbare Hilfe.